Der Umgang mit Angst, Trauma und Liebe in der Trauerrede

Es ist das Tagesgeschäft des Trauerredners, mit traumatischen Erlebnissen, mit Angst, Verzweiflung und schmerzhafter Liebe konfrontiert zu werden. Wenn ein geliebter Mensch die Erde verlassen hat, wenn Leere und Schmerz bleiben, dann ist der Trauerredner eine der ersten Personen, mit denen die Angehörigen sich nach dem Todesfall konfrontiert sehen.

Für die Hinterbliebenen stellt das Trauergespräch oft eine Belastung dar, da es meist schwerfällt, für den Verlust Worte zu finden. Es fällt schwer, im Strudel der Trauer in die Vergangenheit hineinzutauchen und Dinge hervorzuholen, die den Schmerz des Verlustes wieder neu beleben. Und es ist nicht einfach, aufwühlende Erinnerungen in Worte zu kleiden und sie an den Trauerredner weiterzugeben.

Eine fundierte Ausbildung ist deshalb für einen ernsthaften Trauerredner unumgänglich. Denn in den Gesprächen mit den trauernden Hinterbliebenen ist mehr als nur Fingerspitzengefühl gefordert. Was es braucht, ist Empathie, ist ein sechster Sinn für das Ungesagte, für das Unaussprechliche, eine Art vorsichtiger Instinkt, mit dem der Trauerredner sich in die Welt der Angehörigen hineintastet.

Es bedarf professioneller Distanz, gepaart mit mitfühlender Zuwendung und respektvollem Verständnis, ein vertrauensvolles Miteinander, das es den Trauernden ermöglicht, sich zu öffnen und ihre Seele und ihren Schmerz nach außen zu kehren.

All dies ist Voraussetzung für das Entstehen einer gefühlvollen Trauerrede, die genau das Maß an Verlusterleben, das die Angehörigen dem Trauerredner gegenüber offenbaren, in der Trauerfeier nach außen trägt. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Das jeweils individuelle, passende Maß zu finden, ist das, was einen guten Trauerredner ausmacht.

Gibt es für ihn ein schöneres Geschenk, als wenn die Angehörigen sich nach der Trauerfeier bei ihm für die ansprechende, gefühlvolle Trauerfeier bedanken, in der sie Ihren Verstorbenen genauso wiedergefunden haben, wie er im Leben war?

Es ist das Tagesgeschäft des Trauerredners. Trotzdem aber immer wieder eine neue Herausforderung. Was ihn im Trauerhaus erwartet, ist nicht vorhersehbar, ist immer wieder anders, manches Mal überraschend, immer aber individuell.

Und gerade deshalb ist es ein wunderbarer Beruf. Ein Beruf, der noch viel erfüllender und befriedigender wird, wenn er sich in Berufung verwandelt.

Gisela Köller
Trauerrednerin